Das Vaterunser – Mehr als „nur“ ein Gebet! – Einführung (Matt 6,5-8)

In den folgenden Wochen werde ich einige Gedanken zum “Vaterunser” (pater noster), welche mir während meiner Vorbereitung auf eine Gemeindefreizeit kamen, loswerden. Meine Hoffnung (mein Gebet!) ist das der Christenmensch (um Luthers Worte zu benutzen) sich dessen Inhalt bewusst wird und so Gott – unseren Vater! – besser kennen und lieben lernt.

I. Allgemeine Einführung

Nachdem sich das Thema herausgestellt hatte, dachte ich gleich, dass meine Frau die bessere Referentin dafür sei. Sie ist mir ein großes Vorbild in diesem (und vielen anderen!) Bereich. Ich bin nicht wie ein Martin Luther, der zwei bis drei Stunden täglich betete und meinte, dass Beten für einen Christen so selbstverständlich sei, wie das Schuhe machen für einen Schuster oder das Nähen für einen Schneider. [Oder, um ein modernes Beispiel anzubringen: das Beten eines Christen ist so selbstverständlich, wie das Reifenwechseln einer Formel 1 Crew].

Andererseits, bete ich schon „viel“…halt nur nicht an einem Stück. Und ich glaube, dass das auch nicht wichtig ist. Als ob Gott mit der Quantität unseres Gebets zu beeindrucken wäre.

Aber, wenn ich einem Christ begegne (oder jemanden, der/die sich Christ/in nennt) – und das ist mir bisher nur einmal passiert –, der überhaupt nicht beten kann, dann frage ich mich schon was für eine Gottbeziehung dahinter steckt.

Ich habe auch mal eine Geschichte von einer Missionarin erzählt bekommen, die in einem Entwicklungsland einer älteren Christin begegnete. Diese ältere Frau bat die Missionarin mit ihr zu beten. Als die Missionarin den Grund des Gebets erfragte, war sie sehr erstaunt – die Frau wollte mit der Missionarin beten, um die Tiefe ihres Gottvertrauens kennenzulernen.

Es gibt ja den alt-bekannten Spruch: „Zeig mir deine Freunde, und ich sag dir wer du bist.“ Vielleicht hatte die alte Dame ja recht: „Zeig mir deine Gebete, und ich sag dir wer du bist.“

Meine Hoffnung ist, dass wir alle von Gott verändert werden. Dass wir besser sehen und verstehen können, wer er ist und dadurch mehr Zeit mit Ihm verbringen wollen.

Und um Zeit mit Gott zu verbringen, ist es nun mal unumgänglich in Seinem Wort zu lesen (zu forschen) und mit Ihm zu reden … den Gebet ist ja nichts anderes als ein Reden mit Gott!

 

II. Einführung in die Thematik

Nun ist ja das Thema nicht das Beten allgemein, sondern wir wollen uns näher mit dem Vaterunser beschäftigen. In den Gemeinden beten wir oft  das Vaterunser nach der Überlieferung des Matthäusevangeliums.

Das Vaterunser wird auch nochmals im Lukasevangelium überliefert und später auch in der „Apostellehre“ (der sog. Didache; wobei diese ziemlich wortgenau das Vaterunser des Matthäusevangeliums widergibt).   

Da wir natürlich nicht alles betrachten können, wollen wir uns auch hauptsächlich auf das Matthäusevangelium beschränken. Bevor wir jedoch zum eigentlichen Vaterunser-Text kommen (Matt 6,9-13), wollen wir erst einmal schauen in welchem Kontext sich diese Verse befinden.

[Kurzer Exkurs: eines der wichtigsten (und evtl. am häufigsten missachteten) Regel der Bibellese und –auslegung ist die Regel des Kontext: sozial-kulturell, historisch aber auch literarisch. D.h. wenn wir uns Verse anschauen, sollten wir uns immer zunächst fragen was zuvor und auch danach noch kommt. Wie passt der Text in das ganze Konstrukt der Passage, des Kapitels, des Buches, des Testamentes, der ganzen Bibel?]

Wer von euch weiß denn in welcher bekannten Predigt das Vaterunser im Matthäusevangelium vorkommt? Genau. In der sog. Bergpredigt. Die Bergpredigt beschreibt (oder eher verschreibt) im Großen und Ganzen das ethische Handeln derer, die zu Gottes Reich gehören – also Christen.

Die Bergpredigt legt also eine Art „neues Gesetz“ des Neuen Bündnisses zwischen Gott und Seinem Volk nieder. Hier geht es um radikale Nachfolge, die sich im täglichen Leben oft als contra der eigenen Kultur darstellt.

Die Predigt möchte also ein  Wegweiser für den Christen sein. Die Bergpredigt (Kapitel 5-7) wird ja von Matthäus in den Heilungs-Dienstes Jesu eingeschlossen. So lesen wir in 4,23:

Und Jesus durchzog ganz Galiläa, lehrte in ihren Synagogen und verkündigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen im Volk.

Und in 8,16-17:

Als es aber Abend geworden war, brachten sie viele Besessene zu ihm, und er trieb die Geister aus mit einem Wort und heilte alle Kranken, damit erfüllt würde, was durch den Propheten Jesaja gesagt ist, der spricht: »Er hat unsere Gebrechen weggenommen und unsere Krankheiten getragen«.

Jesus ist der wahre Gesetzgeber, der mit Wundern, Heilungen und Austreibungen von Dämonen signalisiert, dass das Reich Gottes mit ihm in die Zeit eingebrochen ist.

Die Bergpredigt selbst kann folgendermaßen gegliedert werden:[1]

                           I.            Einführung (5,1-16)

                         II.            Das Verhältnis von Gesetz und dem Neuen Bündnis in Christus (5,17-48)

                       III.            Wahre vs. Falsche Frömmigkeit (6,1-18)

                       IV.            Soziale Ethik (6,19-7,12)

                         V.            Schluss (7,13-27)

Viele nennen das Vaterunser das Herzstück der Bergpredigt. Da die Bergpredigt für viel das magnum opus Jesu ist, so befinden wir uns hier im Herzstück christlicher Theologie.

 

III. Einführung in das Vaterunser

In diesem blog post werden wir uns jedoch nicht mit dem Vaterunser beschäftigen, sondern ein wenig schauen, was Jesus kurz zuvor über das Gebet sagt (Verse 5-8; Neues Leben):

5 Und nun zum Beten. Wenn ihr betet, seid nicht wie die Heuchler, die mit Vorliebe in aller Öffentlichkeit an den Straßenecken und in den Synagogen beten, wo jeder sie sehen kann. Ich versichere euch: Das ist der einzige Lohn, den sie jemals erhalten werden.

6 Wenn du betest, geh an einen Ort, wo du allein bist, schließ die Tür hinter dir und bete in der Stille zu deinem Vater. Dann wird dich dein Vater, der alle Geheimnisse kennt, belohnen.

7 Plappert nicht vor euch hin, wenn ihr betet, wie es die Menschen tun, die Gott nicht kennen. Sie glauben, dass ihre Gebete erhört werden, wenn sie die Worte nur oft genug wiederholen.

8 Seid nicht wie sie, denn euer Vater weiß genau, was ihr braucht, noch bevor ihr ihn darum bittet!

A. Das falsche Beten der Heuchler:

     1. Das Problem (V.5):

Hier sehen wir wie manche der jüdischen Bevölkerung Gebet dazu nutzten, um ihre eigen Frömmigkeit darzustellen.

Jesus argumentiert hier nicht im Allgemeinen gegen öffentliches oder gemeinschaftliches Gebet, sondern gegen Gebet, dass nur für eigene Zwecke genutzt wird („wo jeder sie sehen kann“; Ziel ist es gesehen zu werden).

Gebete in öffentlichem Bereich und zu bestimmten Zeiten gibt es auch heute noch – vor allem in der muslimischen Bevölkerung.

Wenn man nun zu einer bestimmten Uhrzeit, sich an einem bestimmten Ort auffindet, so ist es „normal“ dort zu beten. Ich denke, es ist interessant zu beobachten, dass wenn man nun von Leuten gesehen werden möchte man sich zur rechten Zeit am rechten Ort befinden muss. Hier gehört auf jeden Fall einiges planen dazu.

     2. Christliche Korrektur (V.6):

Gebet soll für die eigene Beziehung zu Gott „genutzt“ werden.

Hier ist die Rede von der Vorratskammer eines typischen galiläischen Hauses (dies ist der einzige Ort an dem es überhaupt eine Tür im Hause gab).

Vielleicht klingt hier das „Unangebrachte“ (eine Vorratskammer wird ja wohl meistens sehr eng und dunkel gewesen sein), um einen starken Kontrast zum heuchlerischen herauszubilden.

Dass Jesus hier nicht nur auf privates Gebet abzielt, kann auch aus V.3 gelesen werden. Dort wird ja keine wortwörtliche Interpretation verlangt.

Bezgl. öffentliches oder gemeinschaftliches Gebet steht uns immer die Herausforderung bevor eine reine Motivation des Betens aus der Beziehung zu Gott zu haben. 

B. Das Plappern der Heiden:

     1. Das Problem (V.7):

Βατταλογήσητε: das Wort „Plappern” mag dem Wort des „Stotterns” im  Griechischen nahe liegen. Wenn dies so ist, dann argumentiert Jesus hier abwertend gegen formelhafte Wiederholungen im Gebet; entweder formelhafte Wiederholungen von Intelligentem oder Nicht-Intelligentem.[2]

Götter wurden in der griechisch-römischen Kultur als launenhafte Wesen dargestellt, die nicht immer nur das Gute für den Menschen im Sinn hatten. Diese Götter mussten durch Opfer und Gebete beschwichtigt werden. Hier können wir sehen in welcher Angst viele Menschen damals (als auch heute!) leben. Habe ich das richtige gebetet? Habe ich die richtige Formel verwendet? Ist der/die Gott/Göttin beschwichtig oder noch sauer?

Hier ist die Gute Nachricht von Jesus Christus befreiend. Wir müssen uns nun nicht mehr fragen, wie wir zu Gott kommen können, ob er uns erhört, ob er uns wohlwollend ist. Im Kreuzestod zeigt sich Gottes Liebe und Gerechtigkeit. Jesus ist ein für alle Mal gestorben, hat das einzige Opfer dargebracht, welches einen anhaltenden Zugang zu Gott brachte – sich selbst! 

Noch ein paar Anmerkungen zum Beten der Heiden:[3] Mit vielen Beschwörungen und Anrufen der verschiedenen Namen der Götter, versuchten die Heiden die Aufmerksamkeit ihrer Götter zu erhaschen. Manchmal wurden auch magische Formeln benutzt (siehe auch 1. Könige 18,26-29). In Apuleius Metamorphosen (Der Goldene Esel) 11,2 gibt der Beter viele Namen für die Göttin an und beschreibt bis ins letzte Detail die jeweiligen Taten. Es gibt sogar eine Inschrift, die besagt, dass ein Mann festgenommen wurde, weile er bei einem öffentlichen Opfer- und Gebetsakt vergessen habe Domitian als den Sohn von Athene zu erwähnen.

Götter müssen mit oberster Vorsicht und genauesten Kleinlichkeiten angerufen werden, um sie wohlzustimmen. Wie „einfach“ ist dann doch „Vater, unser“!

Heidnische Gebete waren lange in ihrer Einführung/Beschwörung und hatten nur wenige Bitten. Für lange Einführungen siehe z.B. Catullus‘ Gedicht an die Göttin Diana: nachdem viele Namen und Taten der Diana aufgelistet werden schreibt er: „Geheiligt werde dein Name, welchen auch immer du präferierst“ (Poems 34, zitiert in Garland, 217).

Das Vater unser hat eine sehr knappe Einleitung (in Lk nur „Vater“) und mehrere Bitten.

     2. Christliche Korrektur (V.8):

Gott ist uns ja schon weit voraus! Er weiß doch schon längst genau was wir brauchen. Aber nicht nur das. Als Vater weiß er was wir brauchen und setzt auch alles daran, dass wir es bekommen

Dies steht dem Asketentum, dem Dualismus und einer rein spirituellen Bewegung entgegen.[4] Wir haben Grundbedürfnisse und Gott kennt diese ja auch – immerhin war Er ja auch an der Schöpfung beteiligt (i.e., er ist Schöpfer!)

In Matt 7,7-11 zeigt sich, dass Gott sehr wohl sich um unser Grundbedürfnis kümmern kann. Gott kennt unser Verlangen, das was wir brauchen (vgl. auch das eschatologische Verständnis in Jesaja 65,24: „Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.“).

Gottes Volk benötigt es nicht wie die Heiden lange Phrasen zu plappern nur damit Gott sie hört (hier ist Jesus nicht gegen lange Gebete per se; er selbst betete die ganze Nacht auf dem Berg Matt 14,23-25; siehe auch Röm 12,12; 1 Thess 5,17).

Zu beten bedeutet sich der eigenen Schwäche, den eigenen Bedürfnissen klar zu werden und sich voll und ganz auf Gott zu werfen, der wie ein liebender Vater sich unserer zuwendet.[5]

Eines der grundlegenden theologischen Erkenntnisse ist es an die Güte Gottes zu glauben – darauf zu vertrauen, dass er es gut mit uns meint und uns nicht hinterhältig auf irgendeine Art und Weise Schaden zufügen möchte.

Zum Wort „Vater“ wird in dem zweiten post noch mehr gesagt werden. Hier nur ein kurzer Gedanke: „Für den Menschen von heute ist freilich der große Trost des Wortes Vater nicht ohne Weiteres spürbar, den die Erfahrung des Vaters ist vielfach entweder ganz abwesend oder durch das Ungenügen der Väter verdunkelt.“ [6]

Wenn Jesus sagt, dass wir weder wie die Heuchler des jüdischen Volkes sein sollen (V.5), noch wie die Schwätzer der Heiden (V.7), kann er dies aus einem bestimmten Grund tun – Christen glauben an einen anderen Gott. Jesus begründet dies so: „Denn euer Vater weiß, was ihr benötigt, ehe ihr ihn fragt“ (V.8).

Gott ist weder  ignorant (als ob wir ihn unserer Nöte belehren müssten) noch zögert er (so dass wir ihn überzeugen müssten). Er ist unser Vater, der seine Kinder liebt und ihnen gibt was sie brauchen! Warum dann noch beten? Luther schrieb, dass wenn wir beten wir uns mehr belehren als Gott. Wir beten also, um uns in Einklang mit Gottes Sicht zu bringen.

„Die Bitten und das, was der Beter benötigt, kennt Gott, bevor sie ausgesprochen sind (Mt 6.8); dennoch wird bei Matthäus mit einem im NT einzigartigen Nachdruck zum Bitten aufgefordert“[7] (siehe Mt 7.7–11; 18.19; 21.22).

Manche der Pharisäer beteten heuchlerisch, manche der Heiden mechanisch – Christen beten jedoch aufrichtig und bedenklich/aufmerksam. [8]

IV. Schluss

Das Vater Unser lehrt  uns einerseits wie wir beten sollen, andererseits aber auch wie wir leben sollen – das Vater Unser ist also tatsächlich mehr als nur ein Gebet![9]

Das Vaterunser ist Anleitung zum Beten. Es ist tatsächlich ein Gebet; aber wenn wir es nur nachplappern, haben wir es nicht verstanden und auch nicht begriffen, was Jesus uns dadurch eigentlich lehren wollte.[10]

Gebet ist mehr als nur ein Ausdruck unserer Gefühle. Allerdings dürfen wir auch nicht den Fehler begehen liturgisch das Gebet einfach nur so dahin zu plappern. Wir tun gut daran uns näher mit den Einzelaussagen des Gebets zu beschäftigen, uns auf sie zu konzentrieren. Wir wollen über diese nachdenken und sie betend in unser Gebet und Leben mit einbeziehen.


[1] Vgl. Grant R. Osborne, Matthew, ed. Clinton E. Arnold, Zondervan Exegetical Commentary Series on the New Testament 1 (Grand Rapids, MI: Zondervan, 2010), 161.

[2] John Nolland, The Gospel of Matthew: A Commentary on the Greek Text, The New International Greek Testament Commentary (Grand Rapids, MI: Bletchley: Eerdmans; Paternoster Press, 2005), 284.

[3] David E. Garland, “The Lord’s Prayer in the Gospel of Matthew,” Review & Expositor 89, no. 2 (1992): 216.

[4] Nolland, The Gospel of Matthew, 285.

[5] Vgl. Kate Dugdale, “Understanding the Lord’s Prayer as a Paradigm for Prayer,” Stimulus: The New Zealand Journal of Christian Thought & Practice 19, no. 3 (2012): 31.

[6] Benedict XVI., Jesus von Nazareth (Freiburg: Herder, 2007), 170.

[7] K.-H Ostmeyer, “Das Vaterunser: Gründe für seine Durchsetzung als ‘Urgebet’ der Christenheit,” New Testament Studies 50, no. 3 (2004): 331.

[8] John R. W. Stott, The Message of the Sermon on the Mount, The Bible Speaks Today (Downers Grove, IL: InterVarsity Press, 1978), 145.

[9] Dugdale, “Understanding the Lord’s Prayer as a Paradigm for Prayer,” 31.

[10] Karl N. Jacobson, “A Word in Season: Preaching the Lord’s Prayer,” Word & World 22, no. 1 (2002): 90.

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